Archiv 2005

MUSIK UND FILM - CRAIG ARMSTRONG




Craig Armstrong - sein Name ist (bislang) nur Insidern ein Begriff, doch seine Musik spielt täglich im Radio. Songs von U2, Madonna und den Pet Shop Boys veredelte er mit seinen Streicherarrangements. Für Texas schrieb er den Welthit "I don't want a lover", gemeinsam mit Massive Attack schuf er das genredefinierende TripHop-Album "Protection".

Und seit nunmehr zehn Jahren ist Craig Armstrong einer der gefragtesten Filmkomponisten seiner Generation.

Geboren 1959 in Glasgow, studierte Armstrong Komposition und Klavier an der renommierten Royal Academy of Music in London. 1981 erhielt er das "Harvey Lohr scholarship for composition", und 1982 gewann er den " GLAA young jazz musician of the year". Die ersten Jahre nach Abschluss seines Studiums arbeitete Armstrong überwiegend im Bereich zeitgenössisches Tanztheater, bevor er Ende der 80er Jahre in seine Heimatstadt zurückkehrte. Dort schlug Armstrong sich zunächst als Barpianist durch, bevor er mit einigen Freunden die Band Hipsway gründete, aus der heraus sich Texas bildete. Parallel zu seinen Aktivitäten in der Glasgower Scotpop-Szene nahm Armstrong eine Tätigkeit als Hauskomponist beim berühmten Tron Theatre an. Rückblickend stellte er fest: "DieseTheaterarbeit entpuppte sich als fantastische Ausgangsbasis für meine spätere Filmmusikarbeit." Ab 1990 erhielt Armstrong einige TV-Aufträge von der BBC und dem STV. Hieraus ergab sich die Zusammenarbeit mit Peter Mullan an der vielfach preisgekrönten Kurzfilmtrilogie "Close" / "A good day for the bad guys" / "Fridge", die das harte Leben der Glasgower Unterschicht porträtiert. 1996 schließlich erlebte Craig Armstrong seinen internationalen Durchbruch als Filmkomponist. "Romeo + Juliet", Baz Luhrmanns postmoderne Interpretation des klassischen Shakespearestoffes, unterlegte Armstrong mit einem bis dahin im Kino nie gehörten Genremix, wie ihn nur ein Mann komponieren kann, der als Einflüsse so unterschiedliche Komponisten wie Gustav Mahler, Karlheinz Stockhausen, Gavin Bryars, Photek und Stevie Wonder nennt.

Das filmfest Braunschweig präsentiert weltweit erstmalig eine umfassende Werkschau dieses Ausnahmekünstlers und lässt gemeinsam mit Craig Armstrong ein Jahrzehnt Filmmusik Revue passieren.

Filme (Auswahl):

1993 Close
1996 Romeo + Juliet
1997 Orphans
1999 One Day in September
2001 Moulin Rouge
2002 The Magdalene Sisters
2002 The Quiet American
2004 The Clearing
2004 Ray
2004 Piano Works




Romeo and Juliet
Regie: Baz Luhrmann, USA 1996, 120 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Mi, 9. November 14:45 CinemaxX 2
Fr, 11. November 22:00 CinemaxX 3 Gast: Craig Armstrong

 

Die größte Liebesgeschichte aller Zeiten, inszeniert im von Angst und Verbrechen geprägten Verona Beach, einer fiktiven Stadt, zusammengesetzt aus Insignien der Popkultur der letzten fünfzig Jahre. Baz Luhrmann sagte: "Wir sind der Frage nachgegangen, welche Art von Film Shakespeare drehen würde, wenn er heute noch lebte." Ergebnis ist ein MTV-artiger Bildersturm gepaart mit Shakespeares zeitloser Sprache. Passend hierzu hat Craig Armstrong gemeinsam mit Nellee Hooper eine Musik erstellt, die von Dancebeats und Popsongs dominiert ist, aber mit Balcony Scene auch eines seiner schönsten klassischen Stücke enthält. Belohnung waren der Anthony Asquith BAFTA Award und der Ivor Novello Award for Best Original Score.




Orphans
Regie: Peter Mullan, GB 1997, 102 Min, 35 mm, Farbe, OmdU
Mi, 9. November 17:15 Universum 2
Fr, 11. November 12:30 CinemaxX 4

 

Vier Geschwister treffen nach dem Tod ihrer Mutter in Glasgow zusammen. Die folgende Nacht verändert ihr Leben nachhaltig. Bei einem Pub-Besuch zettelt einer von ihnen einen Streit an und wird ernsthaft verletzt, der zweite will ihn rächen, die querschnittsgelähmte Tochter irrt vereinsamt mit ihrem Rollstuhl durch die Nacht, während der frömmelnde dritte Bruder durch nichts von der Totenwache abzuhalten ist. Mullan sagt über seinen dem Stil Ken Loachs verpflichteten Film: "Die Momente in 'Orphans', wenn du nicht weißt, ob du lachen oder weinen sollst, das sind die Momente, die ich liebe.".

Craig Armstrongs Musik unterstreicht wirkungsvoll die phantasmagorischen Brüche der Kamera mit der Tradition des British New Cinema.




Moulin Rouge
Regie: Baz Luhrmann, USA 2001, 128 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Fr, 11. November 17:15 CinemaxX 1 Gast: Craig Armstrong
Sa, 12. November 22:15 Universum 2

 

1900. Die Welt dreht sich um Paris - und alles in der Stadt der Liebe dreht sich um den angesagtesten Nachtclub der Stadt, das Moulin Rouge. Auch der junge Schriftsteller Christian kann sich der fiebrig-erotischen Atmosphäre nicht entziehen. Vor allem fasziniert ihn Satine, die unnahbare Kurtisane mit dem großen Traum von einer Karriere als Schauspielerin. Luhrmann vollendete mit "Moulin Rouge" seine "Red-Curtain-Trilogy" und erschuf das erste postmoderne Musical der Filmgeschichte. Armstrong kreierte aus 100 Jahren Populärmusik einen Cocktail, der direkt in Herz und Beine geht und den Verstand komplett ausschaltet. Es regnete Preise für Armstrong, AFI Composer of the Year, BAFTA Award, Golden Globe Best Original Score.




The Magdalene Sisters (Die unbarmherzigen Schwestern)
Regie: Peter Mullan, GB 2002, 119 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Do, 10. November 17:15 CinemaxX 3
So, 13. November 15:30 CinemaxX 2

 

Irland 1964, Margaret wird von ihrem Cousin vergewaltigt, Rose bringt ein uneheliches Kind zur Welt, Bernadette flirtet auf dem Schulhof mit Jungs. Sie alle gelten in den Augen der tiefreligiösen Gesellschaft als gefallene Mädchen. In einem Magdalenen-Heim müssen sie unter der Aufsicht von Nonnen täglich zehn Stunden in Waschküchen arbeiten, um ihre Sünden zu bereuen. Peter Mullan beschreibt in eindringlichen Bildern die entwürdigenden Zustände in den irischen Magdalenen-Heimen. Craig Armstrong steht ihm mit sensiblen Klängen zur Seite.

"The Magdalene Sisters" ist ein Aufruf zur Überwindung stillschweigender sozialer Gewalt und ihrer ideologischen Rechtfertigung - und als solcher (leider) noch immer hochaktuell.




The Quiet American (Der stille Amerikaner)
Regie: Phillip Noyce, USA/GB/D 2002, 101 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Do, 10. November 23:00 CinemaxX 4 Gast: Craig Armstrong
Sa, 12. November 15:00 Universum 1

 

Saigon 1952, der desillusionierte Times-Reporter Fowler liebt das Opium und seine junge vietnamesische Freundin. Die zunehmend glücklos agierenden französischen Kolonialherren und die vorrückenden Kommunisten beobachtet Fowler nur aus der Ferne. Eines Tages taucht der amerikanische Arzt Pyle auf. Er glaubt, nur der Aufbau einer dritten Kraft könne dem Land Freiheit und Demokratie bringen. Armstrong hat für Noyces brillanten Film einen der besten Scores seiner Karriere komponiert und erneut den Ivor Novello Award gewonnen. Bombastisch weiträumiges Orchester, fernöstl. Percussions und die Stimme der Sängerin Hong Nhung reflektieren das Zusammenstoßen zweier Kulturen. Elektronische Klänge stellen den Gegenwartsbezug her.




The Clearing (Anatomie einer Entführung)
Regie: Pieter Jan Brugge, USA/D 2004, 95 Min, 35 mm, Farbe, OmdU
Mi, 9. November 22:15 CinemaxX 2
So, 13. November 17:45 Universum 2

 

Ein reicher Unternehmer wird von einem erfolglosen ehemaligen Angestellten entführt, um Lösegeld zu erpressen. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich ein psychologisches Kräftemessen. Raffiniert konterkariert wird dies durch eine Parallelhandlung um die Ehefrau des Opfers, die während der Polizeirecherchen ihr Familienidyll zerbröckeln sieht. Pieter Jan Brugge entwickelt im Gewande des starbesetzten Entführungsthrillers ein subtiles Soziogramm einer Gesellschaft, der die soziale Balance verloren gegangen ist. Craig Armstrong stellt sich ganz in den Dienst der Erzählstruktur. Mit verstörenden Rhythmen unterlegte Soundmassen brechen in die zarten Klänge der Mittelschichtfamilie ein.




Ray
Regie: Taylor Hackford, USA 2004, 152 Min, 35 mm, Farbe, OmdU
Sa, 12. November 11:30 CinemaxX 3 Gast: Craig Armstrong
So, 13. November 11:30 CinemaxX 3

 

Geboren 1930 in Georgia, mit sechs Jahren erblindet, verändert Ray Charles die amerikanische Musik grundlegend. Er bricht mit Tabus und kämpft für seine kreative Vision, aus Gospel, Blues und Country etwas Neues zu erschaffen. Ray hat den Soul. Aber er hat auch innere Dämonen, die er mit Heroin zu vertreiben sucht. Ebenso wie sein Protagonist bricht der Film mit Konventionen. Die lineare Erzählstruktur wird immer wieder verlassen, um in traumhaft-fiebrigen Rückblenden prägende Situationen aus Rays Kindheit zu schildern. In diesen Sequenzen kommt der BAFTA-nominierte Score von Craig Armstrong zum Tragen. Die Kombination eines klassischen Chores mit einem Gospelchor unterstreicht eindrucksvoll Rays Bemühen um Grenzüberwindung.




"Music Master Class" Craig Armstrong / Piano Works
Regie: David Barnard, GB 2004, 53 Min, Beta SP, Farbe & sw, ohne Dialog, deutsche Erstaufführung!
Do, 10. November CinemaxX 4 Gäste: Craig Armstrong, Dietmar Kanthak

 

Craig Armstrongs Markenzeichen sind seine opulenten Streicherarrangements. Doch "eigentlich sind Geigen für mich nicht der primäre Weg, um Gefühle zu vermitteln. Mein Hauptinstrument ist das Piano, mit dem ich mich am direktesten ausdrücken kann." Diesen direkten Weg beschreitet Armstrong auf seinem dritten Soloalbum "Piano Works", das sowohl Bearbeitungen seiner bekanntesten Filmmusikthemen als auch Neukompositionen enthält. Der Poetische Dokumentarfilm "Piano Works" findet assoziativ Bilder für Armstrongs Musik.

Im Rahmen einer "Music Master Class" wird Craig Armstrong erklären, warum "Piano Works" nur in den Éclair Studios in Paris entstehen konnte. Live am Flügel wird der Komponist zeigen, wie er seine Themen entwickelt.

Das filmfest Braunschweig dankt der Firma Grotrian Steinweg für die Bereitstellung des Flügels.




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