Archiv 2003
COOP 99 - NEUES KINO AUS ÖSTERREICH

Böse Zellen

Das österreichische Kino erlebt derzeit einen künstlerischen Aufbruch und internationale Anerkennung. Dies ist nicht nur den bemerkenswerten Arbeiten von Autorenfilmern wie Michael Haneke und Ulrich Seidl zu verdanken, sondern das Werk einer neuen Generation von Filmschaffenden im Alter Anfang 30, unter ihnen viele Absolventen der Wiener Filmakademie.

Zu den wichtigsten Vertretern dieser "Nouvelle Vague Viennoise" gehört die Autoren- und Produktionsgemeinschaft coop 99, benannt nach dem Jahr ihrer Gründung, mit den vier Mitgliedern Barbara Albert, Jessica Hausner, Antonin Svoboda und Martin Gschlacht. "coop 99 ist die Plattform einer neuen FilmemacherInnen-Generation in Österreich. Unsere Filme stehen für Authentizität, persönliche Stellungnahme und individuelle Machart" heißt es in der Selbstbeschreibung der Gruppe - ein ehrgeiziger Anspruch, dem Autorenkino verpflichtet.

Barbara Alberts "Nordrand" (1999, auf dem 13. filmfest im Heinrich) und Jessica Hausners "Lovely Rita" (2001) gewannen zahlreiche internationale Preise. Während Antonin Svoboda und der Kameramann Martin Gschlacht zur Zeit an ihren ersten Langfilmen als Regisseure arbeiten, befinden sich die aktuellen Produktionen "Kaltfront" (Regie: Valentin Hitz, im diesjährigen Heinrich) und "Böse Zellen"# - die in Locarno jüngst uraufgeführte neue Arbeit von Barbara Albert - auf Festivaltournee.

Was macht coop 99 besonders? Zunächst das Modell der Arbeitsteilung und gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder. Während sich ein Teil der Gruppe um Stoffentwicklung und Produktion kümmert, kann der andere drehen und ist mit Regie, Aufnahmeleitung oder Kameraführung beschäftigt - in Abkehr vom Einzelkämpfertum eine wirtschaftlich sinnvolle wie künstlerisch erfolgreiche Strategie, um nach dem Filmstudium im Filmmarkt Fuß zu fassen.

Bemerkenswert ist das inhaltliche Anliegen: der durchaus politische Ansatz, filmische mit gesellschaftlichen Perspektiven zu vermitteln; die ähnliche Einstellung der Mitglieder zum Filmemachen, die sich im oft kompromisslosen Realismus der Arbeiten widerspiegelt; die Auseinandersetzung von Hausner und Albert mit ihrer Rolle als Filmemacherinnen in einer männlich dominierten Filmbranche.

Das filmfest stellt in Anwesenheit einiger Mitglieder die Langfilme der coop 99 als auch eine Auswahl der Filme der einzelnen Filmemacher/innen vor.




Podiumsgespräch
"Allein machen sie Dich ein? - Strategien für's Autorenkino"
Fr, 31. Oktober, 11:00

Das filmfest bittet zum Gespräch: über die Erfahrungen von Filmemachern und Produzenten mit aktuellen Produktionsbedingungen und über zukunftsträchtige Strategien für das deutschsprachige Autorenkino.

Es diskutieren: Barbara Albert (coop 99), Jakob Claussen (Produzent, Claussen+Wöbcke), Martin Hagemann (Produzent, Zero Film), Katrin Schlösser (Produzentin, Ö-Film), Antonin Svoboda (coop 99).

Moderation: Peter Claus, Deutschlandradio Berlin.

"Wir waren alle an der Wiener Filmakademie und haben da schon zusammen gearbeitet. Und im Lauf der Zeit haben wir immer mehr mitbekommen, wie die Branche funktioniert, und dass der Apparat, so wie er in Österreich vorhanden ist, sehr viele Zugeständnisse verlangt. Aber wir wollten frei bleiben."
(Jessica Hausner, coop 99)

"Wir haben auf der Akademie quasi immer selbst produziert, und die ganze Akademie hat nur so funktioniert, dass man sich gegenseitig geholfen und miteinander gearbeitet hat. Sobald du versuchst, dein eigenes Süppchen zu kochen, wirst du selber auch auf der Strecke bleiben. Und die Coop ist ein bisschen die Fortführung davon - unter professionelleren Bedingungen."
(Martin Gschlacht, coop 99)




Böse Zellen
Regie: Barbara Albert, A/D/CH 2003, 120 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Mi, 29. Oktober 20:00 CinemaxX 4 Gäste: Barbara Albert, Antonin Svoboda
Fr, 31. Oktober 12:45 CinemaxX 3 Gäste: Barbara Albert, Antonin Svoboda



Laut Chaos-Theorie kann der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas-Dschungel einen Sturm über dem Atlantik auslösen. Einem solchen Ereignis fällt das Flugzeug zum Opfer, mit dem Manu nach Hause fliegt. Sie überlebt als Einzige, kehrt in ihren österreichischen Heimatort zurück, heiratet und arbeitet in einem örtlichen Supermarkt. Inzwischen Mutter einer fünfjährigen Tochter, verunglückt sie auf der Heimfahrt von der Disko tödlich.

"Böse Zellen", der jüngst seine Uraufführung auf dem Filmfestival von Locarno erlebte, wird als Österreichs Kandidat für die Oscar-Nominierung als bester nicht-englischer Film ins Rennen gehen.




Nordrand
Regie: Barbara Albert, A/D/CH 1999, 103 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Mi, 29. Oktober 13:00 CinemaxX 4
Fr, 31. Oktober 14:45 CinemaxX 2 Gäste: Barbara Albert, Antonin Svoboda



Jasmin ist blond und nicht gerade verwöhnt, dafür aber lebenshungrig. Sie arbeitet in einem Kaffehaus, sucht und findet immer neue Männer. Ungewollt wird sie schwanger. Eines Abends flieht sie vor ihrem gewalttätigen Vater, doch die Freunde, bei denen sie Unterschlupf sucht, nehmen sie nicht auf. Jasmin streunt durch die nördlichen Bezirke Wiens, bis sie in einer schneekalten Nacht volltrunken am Ufer der Donau zusammenbricht. Dort findet sie Senad, ein bosnischer Flüchtling. Der bringt sie in ein Krankenhaus, in dem Tamara, eine Krankenschwester aus Serbien, arbeitet. Jasmin zieht bei Tamara ein und beginnt ein Verhältnis mit Senad, Tamara sucht einen neuen Freund. So vergeht ein Winter, an dessen Ende gebrochene Herzen und viele offene Fragen stehen.




Lovely Rita
Regie: Jessica Hausner, A 2001, 79 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Do, 30. Oktober 15:00 Universum 2
Sa, 1. November 20:15 Universum 3



Rita ist 15, introvertiert und unsicher, eine Außenseiterin an ihrer Wiener Schule, die sie immer öfter schwänzt. Die Eltern, ein typisches Mittelstandspaar, sind mit ihrer Tochter überfordert. Immer hartnäckiger versucht Rita aus ihrer inneren Isolation auszubrechen. Doch die Bekanntschaft mit einem Nachbarsjungen und einem Busfahrer verschlimmert alles nur und führt schließlich zur Katastrophe.

Schonungslos und in zeitlosen Bildern erzählt die junge Österreicherin Jessica Hausner von einer Jugend in kleinbürgerlicher Enge. Ihr ausschließlich mit Laiendarstellern besetzter erster Langfilm erhielt diverse Auszeichnungen, u.a. den Wiener Filmpreis 2001.




Inter-View
Regie: Jessica Hausner, A 1999, 48 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Do, 30. Oktober 22:30 CinemaxX 4 Gäste: Antonin Svoboda, Barbara Albert



Günter, ein offenbar bindungsloser junger Mann, führt Interviews mit fremden Menschen. Gertrud jobbt in einem Blumenladen. Auch sie scheint keine näheren Kontakte in der Stadt zu haben. Eines Tages begegnen sich Günter und Gertrud bei einem Interview. Als sich die junge Frau den immer bohrender werdenden Fragen des Mannes verweigert, reagiert dieser plötzlich auf brutale Weise.




Sonnenflecken
Regie: Barbara Albert, A 1998, 24 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Do, 30. Oktober 22:30 CinemaxX 4 Gäste: Antonin Svoboda, Barbara Albert



Idiko und Uschi sind Freundinnen. Zusammen mit Uschis kleiner Tochter Angie und deren Meerschweinchen leben und arbeiten sie in einer Raststätte am Stadtrand von Wien. Ihr Alltag besteht aus den einfachen Dingen des Lebens: arbeiten, den Haushalt organisieren, in die Disco gehen, flirten und gemeinsam Spaß haben. Beide Frauen träumen vom großen Glück, wissen nur noch nicht, wo es zu finden ist.




Grosse Ferien
Regie: Antonin Svoboda, A 1997, 40 Min, 35 mm, dt.
Do, 30. Oktober 22:30 CinemaxX 4 Gäste: Antonin Svoboda, Barbara Albert



Sommer 1978, das legendäre Jahr, als die Österreichische Nationalmannschaft in Argentinien eines ihrer besten WM-Turniere spielte. Der neunjährige Tondo verbringt seine Sommerferien in Wien. Die langen Ferien haben ihren eigenen Rhythmus: Zu Beginn scheint die Zeit wie suspendiert, gegen Ende läuft sie davon. Eine perfekte Stimmung aus Trägheit und sexueller Schwüle...




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