Archiv 2003
Sonderprogramm: Verehrt Verfolgt Vergessen

Eine Frau wie Du

Ab den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte in Westdeutschland eine systematische Aufarbeitung der Nazi-Greuel ein. Im Zusammenhang damit gewann auch die Geschichte deutscher Emigranten, insbesondere der ins Ausland geflüchteten Künstlerinnen und Künstler, große Bedeutung. Doch was geschah mit denjenigen, die den Nazis nicht entkamen? Die ausgerottet wurden ohne Nachlass, ohne Erinnerung an ihr Leben und ihren Platz in der Geschichte? GefÖrdert von der Stiftung Nord LB/öffentliche wird nun am 9. November 2003, dem Jahrestag der "Reichskristallnacht", die von Ulrich Liebe von der Herbert-Ihering-Gesellschaft initiierte und zusammengestellte Ausstellung "Verehrt, verfolgt, vergessen" im Braunschweiger Landesmuseum, Hinter Aegidien, eröffnet. Ihr Anliegen ist es, diejenigen Künstlerinnen und Künstler, die aufgrund des mörderischen Rassenwahns der Nationalsozialisten verfolgt, vernichtet und später, in den Nachkriegsjahren vergessen wurden, der Vergessenheit zu entreißen.

Umrahmt wird die Ausstellung von einem Begleitprogramm, das von freien Kulturträgern der Stadt Braunschweig gestaltet wird. Das Internationale filmfest Braunschweig hat in diesem Zusammenhang und in Zusammenarbeit mit Ulrich Liebe sechs Spiel- und zwei Dokumentarfilme ausgesucht, in denen sechs "vergessene" Künstler in einigen ihrer Glanzrollen zu sehen sind: ein Tribut an Fritz Grünbaum, Paul Morgan, Otto Wallburg, Robert Dorsay, Joachim Gottschalk und Kurt Gerron.

Die Termine entnehmen Sie bitte den einzelnen Filmbeschreibungen.

Gefördert von der Stiftung Nord LB/Öffentliche.

Mit freundlicher Unterstützung von CinemaxX Braunschweig




TERMINE & INFO


Die Filme der Reihe "Verehrt Verfolgt Vergessen" werden immer Mittwochs an den folgenden Terminen um 20:15 im Universum 1 gezeigt:


12. November Ihre Majestät, die Liebe
26. November Flitterwochen
10. Dezember Das Kabinett des Dr. Larifari
17. Dezember Eine Frau wie Du
7. Januar Prisoner of Paradise
14. Januar Arm wie eine Kirchenmaus
21. Januar 4 1/2 Musketiere

Karten sind zum Preis von 5,- € an der Kinokasse Universum Kinocenter, Neue Straße 8, erhältlich.

Die Ausstellung "Verehrt, verfolgt, vergessen" findet vom 09.11.2003 bis 18.01.2004 im Ausstellungszentrum des BLM Hinter Aegidien statt. Im Begleitprogramm zeigt das Theater Zeitraum unter der Regie von Gilbert Holzgang "Spaßmacher und Totmacher. Zwei Schauspieler und ihr Widersacher" im Theatersaal Lindenhof. 11., 15., 16., 20., 21., 23. und 24. Januar 2004.

Passend zur Thematik der Veranstaltungsreihe bietet das Staatstheater Braunschweig folgende Aufführungen an:

ab 11.10.2003 "Das Land des Lächelns" (Großes Haus)
06.02.2004 "Kaiser von Atlantis" (Premiere Kleines Haus)
28.02.2004 "Mephisto" (Premiere Großes Haus)






Ihre Majestät, die Liebe
Regie: Joe May, D 1931, 102 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Käthe von Nagy, Franz Lederer, Otto Wallburg, Kurt Gerron
Mi, 12. November 2003 20:15 Universum 1



Um der von seinem Bruder für ihn arrangierten Geldheirat zu entgehen, verlobt sich der leichtlebige Beau mit einem Barmädchen aus einem Tanzlokal. Der Plan funktioniert, bis der Lebemann bemerkt, dass ihn das Mädchen wirklich liebt. Als sie sein Spiel durchschaut, verlässt sie ihn und nimmt den Heiratsantrag eines älteren Verehrers an.

Joe Mays Film ist eine auf Pointen hin inszenierte Komödie mit erstklassiger Besetzung. Kurt Gerron ist in seinem Kurzauftritt als schmieriger Barbesucher genial, und Otto Wallburg gibt brillant den Spießer, der genau soweit durch die Lektüre des Konversationslexikons, etwas Radio und viel Zeitung aufgeklärt ist, wie es dem Geschäft nützt.

Kurt Gerron


1897 in Berlin geboren und war der Star des Kabarett- und Varietélebens der Weimarer Zeit. Er spielte in mehr als sechzig Filmen, spielte tragende Nebenrollen in den bekanntesten UfA-Filmen, drehte als Erfolgsregisseur Lustspiele mit Stars wie Hans Albers, Heinz Rühmann, Theo Lingen. 1933 von den Nazis verjagt, endete Gerrons Leben 1944 in den Gaskammern von Auschwitz.




Flitterwochen
Regie: Carl Lamac, D 1936, 81 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Robert Dorsay, Anny Ondra, Hans Söhnker, Adele Sandrock
Mi, 26. November 2003 20:15 Universum 1



Ingeborg verlässt ihren Ehemann Hans, weil sie das Leben in der Kleinstadt Heidelberg unerträglich findet. Sie setzt sich mit ihrer Freundin Brigitte in einem Winterkurort ab, wo sie sich im Gasthaus "Glückshof" als Kellnerin einstellen lässt. Hans reist mit seinem besten Freund Alex hinterher und es kommt zu Verwirrungen, die beinahe in einer Scheidung gipfeln.

In dieser flotten Verwechslungskomödie beeindruckt Robert Dorsay in der tragenden Nebenrolle als Alex, einem prachtvollen, humorigen Kerl, der beweist, wie man als Scheidungsanwalt beide Parteien erfolgreich vertreten kann.

Robert Dorsay


1904 in Bremen geboren. Der junge Dorsay beginnt seine Bühnenlaufbahn in Österreich und ist ab 1927 in München beschäftigt. Ab 1933 ist er in Berlin am Kabarett als Komiker engagiert. Er profiliert sich in allen Sparten auf der Bühne und im Film. Seine Liebe gilt dem verbotenen Swing, seine Vorliebe politischen Witzen. Mit 37 Jahren wird er zur Wehrmacht eingezogen, 1943 während eines Heimaturlaubs wegen Erzählens von Führerwitzen denunziert, wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tod verurteilt und am 29.10.1943 hingerichtet.




Das Kabinett des Dr. Larifari
Regie: Robert Wohlmuth, D 1930, 84 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Paul Morgan, Max Hansen, Carl Jöken u.a.
Mi, 10. Dezember 2003 20:15 Universum 1



Die drei Freunde Morgan, Hansen und Jöken sind pleite. In einem Café beschließen sie, zur Behebung ihrer Sorgen eine Filmgesellschaft zu gründen, die "Trio-Film". Auf der ersten Generalgesellschaft, zu der nur sie erscheinen, suchen sie nach einem geeigneten Filmstoff. Jeder macht kuriose Vorschläge, die als Vision entstehen: die rührende Geschichte vom Dorfbewohner Sebaldus Kröninger, der seinen Sohn Pepperl zum Sänger ausbilden lassen will, ein Sängerwettstreit und anderes. Schließlich entscheidet man sich für einen Familienfilm. Doch bei den Dreharbeiten geht es völlig chaotisch zu...

Paul Morgan spielt in dieser kabarettistischen Filmparodie nicht nur sich selbst, sondern noch zwei weitere, sehr dankbare Rollen.

Paul Morgan


1886 als Paul Morgenstern in Wien geboren. Nach dem 1. Weltkrieg macht er Theater und Kabarett in Berlin, filmt unter der Regie von Fritz Lang, Ernst Lubitsch und Richard Oswald. 1930 erhält er ein Engagement in Hollywood, dreht dort drei Filme, u.a. mit Buster Keaton, kehrt nach Deutschland zurück und wird 1933 von heute auf morgen arbeitslos. Nach Wien zurückgekehrt, wird er 1938 verhaftet und stirbt am 10.12.1938 im KZ Buchenwald.




Eine Frau wie Du
Regie: Viktor Tourjansky, D 1939, 93 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Joachim Gottschalk, Brigitte Horney
Mi, 17. Dezember 2003 20:15 Universum 1



Dr. Maria Pretorius ist mit ihrem Beruf so ausgefüllt, dass die ernsten Absichten ihres Kollegen Wallrodt sie völlig kalt lassen. Doch als die Naturliebhaberin den Playboy Manfred Thiele kennen lernt, der nur ihr zuliebe ein Wochenende mit Zelten und Angeln arrangiert, verliebt sie sich Hals über Kopf. Doch bis zum Happy End müssen beide noch einige Verwicklungen durchmachen.

Joachim Gottschalk und Brigitte Horney waren in den dreißiger Jahren ein beliebtes "Filmliebespaar" und drehten etliche Filme miteinander.

Joachim Gottschalk


1904 in Calau geboren und erhielt sein erstes Bühnenengagement an der Württembergischen Volksbühne. Hier lernt er die jüdische Schauspielerin Meta Wolff kennen, die er 1930 heiratet. Drei Jahre später wird der Sohn geboren.

Von 1938-1941 dreht Gottschalk sieben Filme, in denen er die männliche Hauptrolle spielt. Bei diesem Erfolg gilt eine Mischehe im Nazi-Staat als untragbar. Ab 1941 darf Gottschalk im deutschen Film offiziell nicht mehr beschäftigt werden. In der Nacht vom 5. zum 6. November 1941 nehmen das Ehepaar und der achtjährige Sohn sich das Leben.




Prisoner of Paradise
Regie/Produktion: Malcolm Clarke, Stuart Sender, USA 2002, 95 Min, Beta SP, s/w und Farbe, OV
Mi, 3. Dezember 2003 20:15 Universum 1
Deutsche Erstaufführung, nominiert als "Bester Dokumentarfilm" für den Oscar 2003



"Prisoner of Paradise" ist die aufwühlende Dokumentation über die wahre Geschichte des Kurt Gerron, des angesehenen und populären deutsch-jüdischen Schauspielers, Regisseurs und Kabarettstars im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre. Er feierte als erster Interpret des Songs "Mackie Messer" aus der Dreigroschenoper 1928 Triumphe, spielte den Magier in dem Marlene Dietrich Klassiker "Der Blaue Engel", führte Regie und wirkte in über siebzig Filmen mit. Er emigrierte 1933, wurde von den Nazis 1943 verhaftet, in das KZ Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz vergast. "Prisoner of Paradise" wurde in Berlin, Paris, Amsterdam und Prag gedreht und folgt der ungewöhnlichen Karriere und Lebens-Odyssee Kurt Gerrons.




Arm wie eine Kirchenmaus
Regie: Richard Oswald, D 1931, 106 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Fritz Grünbaum, Paul Morgan, Grete Mosheim, Paul Hörbiger, Trude Hesterberg
Mi, 14. Januar 2004 20:15 Universum 2



Unter den Angestellten der Wiener Universalbank herrscht große Aufregung. Generaldirektor Baron Thomas von Ullrich ist fest entschlossen, amerikanisches Arbeitstempo einzuführen. Erstes Entlassungsopfer: Sekretärin Olly, die den Boss durch ihre weiblichen Reize zu sehr von der Arbeit ablenkt. Sie wird durch die unscheinbare Stenotypistin Susi ersetzt, die sich durch Können und Arbeitswut unentbehrlich macht. Natürlich nimmt der Baron Susi auch nach Paris auf Geschäftsreise mit und natürlich hat sich Susi längst in ihren Chef verliebt...

Der Filmvorspann wird von Paul Morgan und Fritz Grünbaum als Sketch gesprochen.

Fritz Grünbaum


1880 in Brünn geboren, begann 1899 in Wien ein Jurastudium, wurde aber schnell als Komiker und Conferencier für das 1906 neugegründeten Kabarett "Hölle" entdeckt. Seine mit Witz vorgetragenen und vor Geist sprühenden Auftritte kamen beim Publikum bestens an.

Anfang der 30er Jahre betätigt er sich erfolgreich als Drehbuchschreiber und wirkte in zahlreichen Tonfilmen mit. 1938 begann Fritz Grünbaums Odyssee durch die Konzentrationslager. Er starb am 14.1.1941 an Entkräftung in Dachau.




4 1/2 Musketiere
Regie: Lázló Kardos, A/HU 1935, 73 Min, 35 mm, s/w, dt.
DarstellerInnen: Otto Wallburg, Ernst Verebes, Annemarie Sörensen, Felix Bressart, Szöke Szakall
Mi, 21. Januar 2004 20:15 Universum 1



Das Musikquartett "4 1/2 Musketiere", Geiger Fritz, Trommler Sattler, Pianist Bender, Trompeter Maurer sowie deren Hund, verliert sein Engagement. Da erinnert sich Fritz an seinen Freund, den Radiosänger Doratti, der ihnen auch Hilfe zusagt. Fritz erhält die Chance, Doratti im Radio zu vertreten und lernt Anni kennen, in die er sich verliebt, und die ihn für den berühmten Doratti hält...

Der Witz des Films liegt in seiner Übertreibung des Alltäglichen und an seinem großen Aufgebot an erstklassigen Komikern, allen voran Otto Wallburg.

Otto Walburg


1889 in Berlin geboren, gehört ab 1925 als Charakterdarsteller zum Ensemble von Max Reinhardt. 1929 ist der Komiker Wallburg in einem der ersten Tonfilme zu sehen. Mit seiner Rolle in "Der Kongress tanzt" wird er einem breiten Publikum bekannt. Anfang 1934 emigriert Wallburg nach Österreich, dann nach Holland. 1944 wird er im KZ Westerbork interniert und über Theresienstadt nach Auschwitz transportiert, wo man ihn im Oktober 1944 vergast.




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