Archiv 2003
DOCS IN EUROPE 2 - EUROPA IM DOKUMENTARFILM
Die Koordination Europäischer Filmfestivals, zu deren Mitgründern das
film
fest gehört, versteht sich nicht nur als Brüsseler Lobbyist
für Europas kleinere und mittlere Filmfestivals, sondern auch als Sammel-
und Integrationspunkt gemeinsamer Reihenprojekte. Neben den seit Anbeginn erfolgreichen
"Europe in Shorts" (jedes Jahr eine Auswahl von Kurzfilmen zu einer bestimmten
Thematik) gehörte vor drei Jahren die Spielfilmreihe "15x15", die
auch beim film
fest 2000 mit großem Erfolg lief, zu den Höhepunkten
der Arbeit. Schon während der Planung des 15x15 Programms gab es erste
Überlegungen, eine gleichartige Reihe zum europäischen Dokumentarfilm zu
machen. Aus den Erfahrungen mit dem großen Programm entschieden wir uns,
dieses Programm in drei Teile mit Filmen aus je fünf Ländern aufzuteilen.
Dabei wird jedes Mitgliedsland der EU mit einem kurzen und einem langen Film
vertreten, deren einer aus historische und einer aus der jüngsten Zeit
stammen sollte.
Nachdem 2001 der erste Teil des Programms auf seine Europatour ging, präsentiert
das film
fest Braunschweig dieses Jahr die zweite Programmreihe, die Filme
aus Griechenland, Finnland, Frankreich, Deutschland und Schweden umfasst. Diesmal
fragten wir auch nicht berühmte Regisseurinnen/Regisseure nach ihren Vorschlägen,
sondern suchten einfach nach guten Filmen, interessanten Geschichten, herausragenden
künstlerischen Aspekten. Klassiker großer Meister und unbekannte
Newcomer stellen sich Ihnen hier Seite an Seite vor. Das Programm präsentiert
Berühmtes und Verfemtes, Witziges und Tieftrauriges, die Reihe zeigt die hohe
Kunst des Dokumentarfilms abseits der Fernsehdutzendware - Kino, wie man es
viel zu selten zu sehen bekommt, und das ohne Special effects ebenso spannend,
unterhaltend und amüsant sein kann wie manch großer Spielfilm.
Fuck Off! Images of Finland (Perkele! Kuovia Suomesta)
Regie: Jörn Donner, FIN 1971, 104 Min, 35 mm, s/w, OmeU
Sa, 1. November 17:15 Universum 2
So, 2. November 15:00 Universum 2
"Fuck off! Images of Finland" ist ein sorgloses, freches, vielseitiges und
unverschämtes Porträt Finnlands vor dreißig Jahren. Entstanden
zu einer Zeit, als die verarmten Bauern in die Städte zogen, die
armen Finnen sich als Gastarbeiter im reichen Schweden verdingten, war der Film
der Zensur zu frei. In voller Länge konnte er erst 20 Jahre später uraufgeführt
werden.
Dieser Film ist das Verrückteste, was wir bis jetzt gemacht haben. Aber
ich bereue es nicht einen Moment, denn ich glaube, man wird kein vielseitigeres
Bild der Finnen bekommen. Und wenn der Film auf gewisse Art verrückt ist,
dann ist das finnische Volk daran schuld." (Jörn Donner)
Vorfilm: Synti (Todsünden)
Regie: Susanna Helke/Virpi Suutari, FIN 1996, 36 Min, 35 mm, Farbe, OmeU
Lebende Bilder, inspiriert von der Idee der sieben Todsünden. Die Menschen
beichten am Tatort selbst: zu Hause, im Garten, am Arbeitsplatz.
Gedreht von zwei Filmemacherinnen, zeigt der Film die Ankunft und die Ausbildung
einer eigenen Sprache von Frauen im finnischen Dokumentarfilm. Trotz
Durchinszenierung, trotz Inspiration durch Roy Andersson, dokumentiert Synti auf
finnische lakonische Art und Weise, was Menschen ihren Mitmenschen antun.
Mourning Rock (Agelastos Petra)
Regie: Philippos Koutsaftis, GR 2000, 87 Min, 35 mm, Farbe, OmeU
Do, 30. Oktober 13:00 CinemaxX 1
Fr, 31. Oktober 17:15 CinemaxX 3
Knapp 20 km von Athen entfernt liegt die kleine Industriestadt Eleusis. Eleusis
ist auch ein mythischer Ort, seit Urzeiten verbunden der Fruchtbarkeitsgöttin
Demeter und deren Tochter Persephone. 2000 Jahre wurden hier die eleusischen Mysterien
abgehalten, ein Zyklus um Einweihung, Hoffnung und Segen im Angesicht des Todes,
den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Dieser heilige, mythische Ort ist
in den letzten Jahren ein Zentrum der griechischen Industrie geworden.
Zehn Jahre drehte Koutsaftis hier, es entstand ein Dokument um die katastrophalen
Folgen der Industrialisierung auf Natur und das alte Heiligtum.
"Dies ist eine ambitionierte und kraftvolle Geschichte um eine Handvoll
Menschen, deren Versuche, die Vergangenheit zu erhalten, die Zukunft zu
entwickeln und die Gegenwart zu genießen über eine Dekade dokumentiert
werden." (Anthology Film Archive, New York)
Vorfilm: Makedonikos Gamos
Regie: Takis Kanellopoulos, GR 1960, 24 Min, 35 mm, s/w, OmeU
Eine traditionell abgehaltene Hochzeit im Westen des griechischen Mazedoniens. Der
Kurzfilm wurde im Dorf Velvendo gedreht.
Coute que coute
Regie: Claire Simon, F 1995, 100 Min, 35 mm, Farbe, OmeU
Mi, 29. Oktober 17:15 Universum 2
Fr, 31. Oktober 14:45 Universum 2
In der Nähe Nizzas hat Jihad einen kleinen Betrieb für Fertiggerichte
errichtet. Seine Kunden sind Supermärkte in der Umgebung. Doch der Druck
ist enorm. Konkurrenzkampf auf der einen, sich auftürmende Rechnungen
und Mahnungen auf der anderen Seite zwingen Jihad, nach und nach seine
Angestellten zu entlassen. Am Ende bleiben nur noch eine Sekretärin, ein
Lieferant und die Köche übrig. Gemeinsam kämpfen sie um das
Überleben des kleinen Unternehmens, gefangen im Dickicht von Geld und
Gefühlen.
"Fünf Monate habe ich immer die letzten vier Tage im Monat gefilmt. Hier
finden sich die angespanntesten Momente. Zahlungen werden fällig.
Versprechungen müssen eingelöst werden, alles spielt sich in dieser
Zeit ab. Es ist der Moment, in dem Geld und Wort eine Einheit bilden. Ich filme
keine Leute, die eine Geschichte erzählen, ich filme die Geschichte."
(Claire Simon)
Vorfilm: A Valparaiso
Regie: Joris Ivens, F 1963, 37 Min, 35 mm, Farbe und s/w, OmeU
Unten ist der Hafen. Er war einmal der reichste Hafen. Der Zielhafen. Das
Etappenziel. Man hat ihn viel besungen...
Val Para-iso: Das Tor zum Paradies. Das Paradies einer sonnenverwöhnten
Etappe, nach den Alpträumen der Atlantiküberquerung: das war die Stadt
der Seeleute, die sie so tauften..
Chris Marker schrieb diesen Text zu einem der poetischsten Filme des Altmeisters
Joris Ivens, der 1962 in Chile entstand.
Das Stahltier
Regie: Willy Zielke, D 1935, 74 Min, 35 mm, s/w, dt.
Do, 30. Oktober 15:15 CinemaxX 1
So, 2. November 17:45 CinemaxX 1
Der Dampflokfilm schlechthin. Zielkes Stahltier ist wohl die dynamischste,
expressionistischste Eisenbahnfahrt der Filmgeschichte. Eingebettet in eine
Rahmenhandlung, in der ein Betriebspraktikant Eisenbahnarbeitern die Geschichte
der Eisenbahn erzählt, zieht Zielke alle Register dessen, was er die
"entfesselte Kamera" nannte. Der Film, geplant als offizieller
Jubiläumspropagandafilm zum 100-jährigen Jubiläum der deutschen
Eisenbahnen, wurde von der auftraggebenden Reichsbahn nicht abgenommen. Statt
eines beschaulichen Kulturfilms hatte Zielke ein Kunstwerk produziert, das trotz
manchem zeitgeistigen Anflügen den preußisch konservativen Reichsbahnbeamten
wie ein Stück "entartete" Kunst vorkam.
Der Film, in der NS Zeit verboten und nur durch glückliche Umstände
gerettet, ist ein Beispiel für eine künstlerische Avantgarde, die in
Deutschland ab 1933 - mit einer Ausnahme: Leni Riefenstahl - aufs tote Gleis
geschoben wurde.
Vorfilm: Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasiakten
Regie: Anke Limprecht, D 2000, 12 Min, 35 mm, Farbe, dt.
Der Film beobachtet Mitarbeiter der Projektgruppe "Rekonstruktion" der Gauck-
Behörde, die aus den Reißwolfschnipseln Akten wiederzusammensetzen.
Ein anständiges Leben (A decent life)
Regie: Stefan Jarl, S 1979, 102 Min, 35 mm, Farbe, OmeU
Mi, 29. Oktober 20:00 Universum 2
Sa, 1. November 14:45 Universum 2
"Ein anständiges Leben" ist der zweite Teil einer filmischen Trilogie, die
Jarl 1967 mit dem Film "Dom kallar oss Mods" ("Sie nennen uns Mods") begann.
Damals begleitete er zwei Teenager, Kenta und Stoffe, die ihr Leben zwischen
gebrochen Familien, Erziehungsheimen, Kleinkriminalität und Alkohol führen.
Zehn Jahre später nimmt Jarl die Geschichten wieder auf. Heroin ist die aktuelle
Topdroge in Stockholm. Stoffe ist Heroinabhängig, lebt mit einer Prostituierten
zusammen, versucht sich seinen Drogenbedarf zu verdienen. Kenta ist verheiratet und hat
einen Sohn. Kenta säuft gelegentlich und versucht, Stoffe zum Entzug zu
bewegen. Vergeblich. Stoffe starb während der Dreharbeiten.
Den dritten und letzten Teil seiner "Mods"-Triologie drehte Jarl dann 1993 unter
dem Titel "Det sociale arvet".
Vorfilm: Mormor, Hitler & Jag (Großmutter, Hitler & ich)
Regie: Carl Johan de Geer, S 2001, 17 Min, 35 mm, Farbe, OmeU
Als Kind lebte der Filmemacher Carl Johan de Geer eine Zeit bei seiner Großmutter,
einer überzeugten Nazi. Auch nach dem zweiten Weltkrieg blieb die alte Dame
bei ihren Überzeugungen. Viele Jahre nach ihrem Tod begann der Enkel, sich
Gedanken darüber zu machen, warum seine Großmutter an Hitler und den
Nationalsozialismus glaubte.
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